Politisches Risiko treibt globale Märkte

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02. Mai 2017
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Von Larry Hatheway

Die Märkte wurden in den letzten Wochen von Rückschlägen geprägt, denn die Begeisterung über die Reflationsgeschäfte ließ spürbar nach. Als treibende Kraft dafür galt die Besorgnis, dass die Regierung Trump mit ihren Versuchen zur Einführung wachstumsfördernder Maßnahmen – wie Steuerreformen, fiskalische Expansion und allgemeine Regulierungsreformen – scheitern könnte. Angesichts der Komplexität bei der Realisierung solcher Initiativen in einer Zeit derart großer Meinungsverschiedenheiten in Washington sind diese Bedenken durchaus verständlich. Möglicherweise übersehen die Märkte jedoch, dass sich die Weltwirtschaft nach wie vor auf einer soliden Basis entwickelt. Die chinesischen Konjunkturdaten aus dem ersten Quartal waren beeindruckend gut, auch wenn sie mittelfristig nicht nachhaltig sind. In den Industrieländern verbessert sich das Wachstum stetig, Anzeichen einer Abschwächung gibt es kaum. Andererseits reagieren die Märkte auf die Tatsache, dass das Wachstum zwar gut ist, aber keine positiven Überraschungen birgt. Damit dürften die Gewinne in den kommenden Wochen und Monaten einer der wichtigsten Treiber für die Entwicklung globaler Aktien, Anleihen und anderer Teile der Kapitalmärkte sein. Zum Beginn der Berichtssaison müssen die Unternehmen zeigen, dass sich die Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Lage in den Reingewinnen niedergeschlagen hat. Im Großen und Ganzen dürfte dies der Fall sein, daher ist es zu früh für eine pessimistische Einschätzung von Aktien.
 
Das politische Risiko stellt einen weiteren, wichtigen Treiber für die Märkte dar. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs in Frankreich wurde von den Anlegern mit einer höheren Risikobereitschaft begrüßt – Aktienkurse und Anleihenrenditen stiegen weltweit an. Die Erwartungen sind groß, dass das politische Risiko in Europa das globale Wachstum nicht abwürgen wird. Die Gewinne könnten einen weiteren Anstieg der Aktienkurse unterstützen, insbesondere in Europa und den asiatischen Schwellenländern. Sowohl die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen als auch die Parlamentswahlen in Großbritannien könnten jeweils für sich genommen für größere politische Unsicherheit sorgen oder die bestehenden Unsicherheiten lindern. Die Wahlen werden auch auf die Geldpolitik Einfluss haben, insbesondere bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Wenn Frankreich die Wahl ohne größere Störungen übersteht, dürfte es der EZB zunehmend schwerer fallen, ihre expansive Geldpolitik zu verteidigen. Ihre Tendenz zu Lockerungsmaßnahmen dürfte wieder neutraler werden. Dies dürfte einen weiteren Anstieg der Anleihenrenditen unterstützen, der dieses Mal hauptsächlich von Westeuropa angetrieben würde.

Autor: Larry Hatheway ist Chefökonom beim Asset Manager GAM.