Wertpapierclearing wird zum Zankapfel

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28. Februar 2017
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Von Max Colchester, Julia-Ambra Verlaine

Der Brexit dürfte in jedem Fall kontrovers ablaufen. Besonders umstritten dürfte dabei ein Punkt werden, der tief im Maschinenraum des Finanzsystems zu verorten ist: das Clearing von Wertpapieren. Clearinghäuser sitzen zwischen Käufern und Verkäufern von Finanzpapieren wie Anleihen, Rohstoffkontrakten und Derivaten. Die Institute bieten dem Käufer die Sicherheit, das er das erworbene Finanzprodukt auch erhält. Der Verkäufer kann sich auf die rechtzeitige Zahlung verlassen. Das Clearinghouse würde einspringen, wenn eine der beiden Seiten plötzlich ausfällt. London ist in dieser Hinsicht ein globales Drehkreuz. Billionenhohe Dollarbeträge fließen täglich durch die Weltmetropole. Wird London diese Krone nunmehr abgeben müssen? Wie schlimm wäre das für die Briten dann überhaupt? Hier folgt nun basierend auf Interviews mit Clearing-Managern, Rechtsanwälten und Unternehmensberatern alles Wissenswerte.

Beim Clearing geht alles um die Größe und insbesondere bei Derivaten hat die City of London äußerst starke Marktmacht. Vergangenen April etwa liefen allein im Clearing von Zinsderivaten 1,2 Bio. US-Dollar jeden Tag über London. Damit kommt Großbritannien auf Rang zwei hinter den USA, so die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Warum genau hängt so vieles von der Größe ab?
Mit Größenvorteilen lässt sich Geld sparen. Eine Bank muss Kapital vorhalten, um Risiken abzusichern. Angenommen ein Finanzkonzern geht mit Kunde A eine Wette ein, dass die Zinsen hochgehen und Kunde B, dass sie nachlassen. Würde die Bank direkt mit beiden Kunden handeln, brauchte sie für beide riskante Positionen Kapitalpolster. Dank des Clearinghouse können beide Positionen gegeneinander aufgerechnet werden. Allein schon bei ein paar Tausend Kontrakten reduzieren sich die Kapitalanforderungen erheblich. Zugleich steigt mit der Betriebsgröße auch die Effizienz in der Abwicklung.

Wie spielt da der Brexit rein?
Er könnte ganze Pools von Kontrakten aufbrechen. Als Teil der EU profitieren die Briten von globalen Vereinbarungen, die es Banken rund um den Globus erleichtern, "qualifizierte" EU-Clearinghäuser einzuschalten, wie etwa auch die aus London. Wegen des Brexit könnte Großbritannien von diesem System ausgeschlossen werden. Nach dem EU-Austritt verlieren die Clearinghäuser des Landes nämlich ihre Qualifikation. Zudem könnte die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Zusage zurückziehen, als letzte Instanz hinter den über London abgewickelten Clearings in Euro zu stehen. Dann könnten die global operierenden Bankkonzerne zunehmend einen Bogen um London machen und die Größenvorteile schwinden.

Könnten die Briten die EU-Qualifikation neu erlangen?
Theoretisch sollte das einfach sein. Schon heute spielen Londoner Clearinghäuser meist nach den gleichen Regeln wie ihre Gegenstücke auf dem Kontinent. Aber ein solcher Schritt erfordert Zeit. So zogen vier Jahre ins Land, bevor die EU und die USA ein Clearing-Abkommen unter Dach und Fach brachten. Insider sprechen aber von ein paar Monaten Zeitbedarf, wenn beide Seiten an einem Strang ziehen.

Wo liegt also das Problem?
Die Brexit-Verhandlungen. So dürften die europäischen Behörden wenig erpicht darauf sein, sich beim Clearing zu einigen, ohne die anderen Streitthemen erledigt zu haben. Die Qualifikation ist wichtig. Dabei soll mit europäischen Regeln sichergestellt werden, dass etwa Kreditausfallversicherungen über qualifizierte Häuser ablaufen. Für manch anderes Finanzprodukt ist die Qualifikation nicht so ausschlaggebend. Dann sind aber höhere Kapitalauflagen fällig. Das ist auch noch nicht alles: Brüssel könnte sowieso darauf pochen, dass große Euro-Positionen innerhalb der EU abgewickelt werden.

Wie könnten die Europäer das begründen?
Brüssel ist offenbar relativ besorgt darüber, dass die Briten billionenhohe Euro-Derivatepositionen abwickeln, ohne dass die Regulierer und Gerichte des Kontinents darauf einwirken können. Schließlich sind die Clearinghäuser ein Eckpfeiler bei den Nachkrisenreformen der Europäer gewesen. Interessanterweise entfällt auf London mehr Clearing von Euro-Zinsderivaten als in allen anderen EU-Ländern zusammen. Zudem stärkt natürlich eine Schwächung des Finanzplatzes London EU-Zentren wie Frankfurt, Paris oder Mailand.

Welche Hebel haben die EU-Behörden hier in der Hand?
Zunächst einmal könnten sie die Gesetze ändern und etwa der EZB direkt die Aufsicht über die Clearinghäuser zuweisen, die viele Euro-Kontrakte handhaben. Schneller ginge es, kritische Schwellen zu implementieren, etwa darüber, wie viel ein Clearinghouse außerhalb der EU abwickeln darf. Denkbar wäre auch, die Bank of England an den Rand zu drängen. So könnte Notfall-Liquidität der EZB für die britische Zentralbank gekappt werden. Das könnte so manchen Investor abschrecken, würde aber das Risiko von Finanzinstabilität in sich bergen. Besser wäre es vielleicht, im Zuge der Brexit-Verhandlungen den Briten die Kontrolle über die eigenen Clearinghäuser abzuluchsen. Dann wäre die Tür offen, für Verlagerungen ins EU-Gebiet. Das wäre für die Briten womöglich noch nicht mal allzu schmerzhaft, da mit dem Clearing nur wenig Arbeitsplätze verbunden sind. (DJN)

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