Warum Zentralbanken weiter die Märkte regieren werden

-
03. Mai 2018
-
Von Jon Sindreu

Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen sind jüngst erstmals seit vier Jahren auf über 3 Prozent angestiegen. Das bestätigt für Marktbeobachter das Ende der ungewöhnlichen Geldpolitik der vergangenen zehn Jahre. Doch auch darüber hinaus dürften Zentralbanken große Macht über die Märkte behalten. Diese Macht üben Zentralbanken vor allem mit der gewissenhaften Ankündigung ihrer Pläne aus, sagen Analysten. Daran dürfte sich auch nichts ändern. Für Investoren bedeutet das, dass Anleiherenditen auch dann nicht plötzlich ansteigen dürften, wenn sich die Geldpolitik normalisiert. Aktien, die weniger attraktiv werden wenn die Anleiherenditen steigen, könnten dadurch außerdem widerstandsfähiger werden.

Im vergangenen Jahr hat die Federal Reserve die Zinsen dreimal angehoben. Die Renditen zehnjähriger Treasury-Papiere sind dieser Entwicklung gefolgt und von 2,4 auf 3 Prozent gestiegen. Die Fed, die an diesem Mittwoch ihren Leitzins stabil halten dürfte, verkleinert inzwischen ihr Anleiheportfolio von 4,5 Bio. US-Dollar teilweise. Gleichzeitig rechnen Ökonomen aufgrund des größeren Haushaltsdefizits in den USA mit steigenden Anleiheemissionen. Trotz des größeren Angebots an Anleihen ist der Renditeaufschlag, den Investoren für zehnjährige Treasury-Papiere gegenüber Barmitteln verlangen, weiterhin negativ. Offenbar werden die Renditen also weiterhin von den Aussagen der Zentralbank gesteuert. In Europa ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Bundesanleihen mit einer Laufzeit von bis zu drei Jahren bieten Renditen, die unterhalb des EZB-Zinses von minus 0,4 Prozent liegen.

Informationsfluss in eiserner Hand

Die Renditen orientieren sich in der Regel an den Zinserwartungen, da Staatsanleihen und von der Zentralbank gedrucktes Geld meist als austauschbar gelten. Dennoch sind sie nicht genau gleich. Die Differenz nennen Analysten die Laufzeitprämie. Diese kann Faktoren wie Angebot und Nachfrage am Anleihemarkt reflektieren. Eine Laufzeitprämie von nahe null deutet darauf hin, dass Angebot und Nachfrage weniger Einfluss auf Anleihen haben als die Aussagen der Geldpolitiker. Es bedeute allerdings auch, dass die Renditen nicht mehr viel weiter steigen werden, wenn die lockere Geldpolitik endet, sagt Emiel van den Heiligenberg, bei Legal & General Investment Management für Asset-Allokation verantwortlich. "Zentralbanken werden den Informationsfluss streng unter Kontrolle halten."

Viele Investoren fürchteten, dass die Laufzeitprämien steigen würden, wenn die Zentralbanken keine Anleihen mehr kaufen - man erwartet, dass die EZB ihre Käufe dieses Jahr aufgibt. Das würde auch auf dem Aktienmarkt lasten. Trotz einiger Schwankungen am Aktienmarkt drehe es sich beim Renditeanstieg bisher nicht darum, dass "die Laufzeitprämie nach oben schießt", sondern darum, dass die Zentralbanken die Zinsen anheben, weil sie auf einen "positiven Ausblick für die Weltwirtschaft" reagieren, sagt Myles Bradshaw, Head of Global Fixed Income bei Amundi. Seit der Finanzkrise sei die Stärke der Zentralbanken fast ausschließlich von den "Erwartungen und der Kommunikation mit dem Markt" ausgegangen", sagt Eric Stein, Co-Director of Global Income bei Eaton Vance.

Indem sie ihre Strategie vorhersehbar machten, haben Zentralbanker das Risiko plötzlicher Preisschwankungen am Anleihemarkt reduziert. So ist der Laufzeitaufschlag in Richtung null gegangen, sagen Analysten. Der Wunsch von Pensions- und Staatsfonds, ihr Geld in sicheren Papieren zu parken, hat die Prämien sogar ins Negative gedrückt, sagen Investoren. Notenbanker werden die Erwartungen nicht immer vollkommen unter Kontrolle halten können, vor allem wenn die Inflation plötzlich ansteigen sollte. Doch die Erfahrung zeigt, dass Zentralbanken es zumindest versuchen werden.

Die Fed hat bereits angedeutet, dass die Zinsen in diesem Jahr noch zwei weitere Male angehoben werden, 2019 insgesamt dreimal. "Ich halte das für eine Fortsetzung des Trends, der unter Ben Bernanke begann oder vielleicht schon gegen Ende der Alan-Greenspan-Ära: Die Idee, dass Transparenz gut ist - dass es gut ist, die Märkte nicht zu überraschen", sagt Jay Mueller, Fondsmanager bei Wells Fargo Asset Management. (DJN) 

Bildquelle: ©fzant | istockphoto.com