Wall-Street-Banken können geteiltes Europa ausnutzen

-
11. Juni 2018
-
Von Paul J. Davies

In Europa liegen große Bankenfusionen zwar in weiter Ferne, aber das heißt nicht, dass sie keine gute Idee sind. Es gibt keine wirklichen europaweiten Akteure und das könnte den Bemühungen um die Entwicklung der europäischen Kapitalmärkte zuwiderlaufen. Aber zumindest hilft es den US-Banken, eine gespaltene Branche zu erobern. Eine Analyse.

In letzter Zeit gab es Aufregung um mögliche grenzüberschreitende Fusionen von Unicredit und Société Générale oder BNP Paribas und der deutschen Commerzbank. Solche Deals dürften in der nächster Zeit aber wohl nicht anstehen. Viele große europäische Banken sind immer noch in der Umstrukturierung. Und die, die nicht im Umbau stecken, wollen sich keine zusätzlichen Kapitalkosten durch eine Fusion aufhalsen. Eine solche würde eine Bank dann auch größer und komplexer machen. Seit der Finanzkrise ist zwar ein Jahrzehnt vergangen, aber für Politiker und nationale Entscheidungsträger klingt die Vorstellung, größere Banken zu gründen, immer noch wie die Schaffung gefährlicherer Banken. Hier ist verständlicherweise Vorsicht geboten, aber es gibt auch nationalen Protektionismus, der wie ein Fehler anmutet.

Europas Investmentbanken gehen sich aus dem Weg

Man schaue sich nur an, wie wenig die Investmentbanken der Eurozone in den Hinterhöfen der jeweils anderen geschäftlich unternehmen. In den vier größten Volkswirtschaften der Eurozone – Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien – wenden sich Unternehmen, die Geschäfte tätigen oder Kapital aufnehmen wollen, zuerst an lokale Banken und dann an US-Banken. Banken aus anderen Ländern des Euroraums schneiden bei den Investmentbanking-Ranglisten schlecht ab. In Frankreich gehen die ersten drei Plätze im Investmentbanking seit zehn Jahren jedes Jahr an französische Banken, geht aus Daten von Dealogic hervor. Andere Banken der Eurozone, die zu den Top 10 gehören, erwirtschaften in den meisten Jahren weniger als 5 Prozent an französischen Einnahmen. 

Noch schlimmer ist das Problem in Deutschland, wo andere Banken der Eurozone die Probleme der Deutschen Bank und der Commerzbank nicht ausnutzen. Die Deutsche Bank ist auch dann an der Spitze geblieben, wenn sie und die Commerzbank Marktanteile verloren haben, aber alle Ertragssteigerungen gingen an US-amerikanische Banken. Dieses Muster gibt es auch im Handel mit Anleihen, Aktien und Fremdwährungen. In Großbritannien wird viel gehandelt, weil London, zumindest vorerst, Europas Finanzzentrum ist. Aber in anderen europäischen Ländern ist es immer noch eine lokale Bank, die die Rangliste der Handelsumsätze anführt, gefolgt von den Amerikanern, so das Forschungsunternehmen Coalition.

Kreditvergabe steht im Vordergrund

Warum dominieren lokale Banken? Europa ist bei der Finanzierung stärker auf Bankkredite angewiesen als auf den Kapitalmarkt. Auch die Politik gehört dazu: Die europäischen Länder wollen nach wie vor nationale Banken-Champions. Die Europäische Union versucht, einen einheitlichen kontinentalen Kapitalmarkt zu entwickeln. Dies würde die finanziellen Möglichkeiten für Unternehmen und die Geschäftsmöglichkeiten für stärkere Banken verbessern. Große, grenzüberschreitende Deals, um Europameister zu schmieden, anstatt deutsche oder französische, würden helfen. Aber es erfordert mehr europäisches Denken und weniger nationalen Fokus von der Politik. In einer Zeit des wachsenden Populismus sollte man in näherer Zukunft allerdings nicht zu viel erwarten. Die Wall Street wird unterdessen noch stärker. (DJN) 

Bildquelle: ©Tobif82 | istockphoto.com