Risikomanagement im Spiegel deutscher Fachbücher

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24. Oktober 2017
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Von Jan Braunschmidt, Christina Trageser, Leonhard Knoll

Risikomanagement hat als Subdisziplin im Grenzbereich zwischen Betriebswirtschaftslehre und angewandter Mathematik/Statistik seit der Jahrhundertwende eine immer größere Bedeutung erlangt. Dies gilt auch für die Praxis: Gab es vor zehn Jahren in deutschen Unternehmen noch praktisch keinen „Chief Risk Officer“ (CRO), so ist er heute zumindest bei Großkonzernen bereits eher die Regel als die Ausnahme.

Eine solche Entwicklung kann nicht ohne Rückwirkung auf die Aus- und Weiterbildung in dem entsprechenden Bereich stattfinden, und so liegt es nahe, den Stand dieser noch jungen (Sub-)Disziplin anhand des Inhalts ihrer aktuellen Literatur zu untersuchen. Dies erfordert angesichts des rapiden Anwachsens von Fachliteratur auch in diesem noch relativ jungen Segment zunächst eine Eingrenzung des Untersuchungsfelds in Form einer Auswahl der zu referierenden Werke. Für vorliegende Studie wurden zwölf deutschsprachige Lehrbücher und ein Praxishandbuch für einen Vergleich von Inhalt und Darstellung herangezogen, um eine Indikation dafür zu erhalten, was aktuell unter „Risikomanagement“ verstanden wird.

Literaturauswahl
Die tragende Idee für die Literaturauswahl bestand darin, Werke zu untersuchen, die im Wesentlichen schon für sich betrachtet, das Gebiet weitgehend abdecken wollen, also allgemeine Lehrbücher und Handbücher. Damit schieden Fachartikel, aber auch Dissertationen aus, die genregemäß meist einzelne Aspekte des Risikomanagements betrachten. Dass nur deutschsprachige Bücher untersucht wurden, liegt im Wesentlichen daran, dass die Praxis hierzulande noch eindeutig von der Muttersprache dominiert wird, wie auch die Inhalte der beiden wichtigsten universitär angebotenen Weiterbildungsangebote unabhängig vom jeweils vergebenen Titel zeigen (Vgl. hierzu die Programme der Universität Würzburg und der Universität Augsburg).

Der Fokus der Untersuchung liegt eindeutig auf allgemeinen Lehrbüchern in ihrer aktuellen Auflage seit 2008, also der Zeit, als die Subprime-Krise die Bedeutung des Risikomanagements geradezu potenzierte und gleichzeitig die Risiken des Finanzsektors in den Vordergrund rückte. Ausgangspunkt waren dabei natürlich die jeweiligen Titel der Bücher, wobei Spezifikationen auf ihre inhaltliche Bedeutung für eine Ausgrenzung berücksichtigt wurden. Dabei erschien eine Vollerhebung zu ambitioniert und selbst eine vorselektierte Stichprobe stieß in der Bearbeitung immer wieder auf Probleme (beispielsweise wurden verschiedene Bücher während der Bearbeitungszeit neu aufgelegt, was zu einem entsprechenden Anpassungsbedarf und -aufwand führte. Angesichts der dabei gemachten Erfahrungen wurde Diedrichs, Risikomanagement und Risikocontrolling, 3. Aufl. München 2012, nicht berücksichtigt, weil bei Abschluss des Manuskripts bereits die 4. Auflage im Buchhandel angekündigt war) – einer von mehreren Gründen, weshalb die Nichterfassung von Werken nicht als Qualitätsurteil zu interpretieren ist. Als Ergebnis des Auswahlprozesses blieb eine den Gesamtmarkt sicher gut abdeckende Stichprobe der folgenden zwölf Lehrbücher übrig, von denen Ellert/Heinrich/Perrot/Reif (Hrsg.) sich selbst allerdings im Titel eher als Nachschlagewerk versteht:

  • Albrecht, Peter/Maurer, Raimond: Investment- und Risikomanagement,
    4. Auflage, Schäffel-Poeschel Verlag, Stuttgart 2016.
  • Brauweiler, Hans-Christian: Risikomanagement in Unternehmen – Ein grundlegender Überblick für die Management-Praxis, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2015.
  • Broll, Udo/Wahl, Jack E.: Risikomanagement im Unternehmen – Real- und finanzwirtschaftlicher Ansatz für internationale Unternehmen und Finanzintermediäre, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2012.
  • Cottin, Claudia/Döhler, Sebastian: Risikoanalyse – Modellierung, Beurteilung und Management von Risiken mit Praxisbeispielen, 2. Auflage, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013.
  • Ehrmann, Harald: Risikomanagement in Unternehmen – Mit Basel III, 2. Auflage, NWB Verlag GmbH & Co. KG, Herne 2012.
  • Eller, Roland/Heinrich, Markus/Perrot, René/Reif, Markus (Hrsg.): Kompaktwissen Risikomanagement – Nachschlagen, verstehen und erfolgreich umsetzen, Gabler Verlag / Springer Fachmedien, Wiesbaden 2010.
  • Gleißner, Werner: Grundlagen des Risikomanagements – Mit fundierten Informationen zu besseren Entscheidungen, 3. Auflage, Franz Vahlen GmbH, München 2017.
  • Möbius, Christian/Pallenberg, Catherine: Risikomanagement in Versicherungsunternehmen, 3. Auflage, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2016.
  • Romeike, Frank/Hager, Peter: Erfolgsfaktor Risikomanagement 3.0 - Methoden, Beispiele, Checklisten, Praxishandbuch für Industrie und Handel,
    3. Auflage, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013.
  • Sartor, Franz J./Bourauel, Corinna: Risikomanagement kompakt – In
    7 Schritten zum aggregierten Nettorisiko des Unternehmens, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH,  München 2013.
  • Wengert, Holger/Schittenhelm, Frank A.: Corporate Risk Management, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2013.
  • Wolke, Thomas: Risikomanagement,
    3. Auflage, Walter de Gruyter GmbH, Berlin / Boston 2016.

Größere Unterschiede zwischen diesen Büchern zeigen sich bereits in der Spanne ihrer Seitenzahlen: Brauweiler liefert mit nur 23 Seiten die kürzeste Veröffentlichung, während die Ausführungen von Albrecht/Maurer zu Investment- und Risikomanagement 1.108 Seiten betragen. Abb. 01 gibt einen Überblick über alle zwölf untersuchen Lehrbücher; Stichwort- und Gesamtliteraturverzeichnisse wurden in diesen quantitativen Vergleich nicht aufgenommen, Anhänge, die zusätzliche risikorelevante Inhalte vermitteln, hingegen als essentielle Teile des Lehrtexts bezüglich ihres Umfangs berücksichtigt.

Mit 23 Seiten qualifiziert sich die Veröffentlichung von Brauweiler nicht als Lehrbuch oder Nachschlagewerk im eigentlichen Sinn, wenngleich grundlegende Inhalte vermittelt werden. Als Teil der Essentials-Reihe des Springer-Verlags wird jedoch der Anspruch erhoben, „die Essenz dessen, worauf es als State-of-the-Art in der gegenwärtigen Fachdiskussion oder in der Praxis ankommt“ [Brauweiler 2015b, S. II ) zu vermitteln, sodass eine Aufnahme in diesen Review sinnvoll erscheint. Zunächst kann natürlich keine Bewertung der Bücher anhand ihres Umfangs vorgenommen werden. Berücksichtigt man jedoch den Mittelwert der übrigen Veröffentlichungen – exklusive des anderen „Extremfalls“ Albrecht/ Maurer – in Höhe von knapp 300 Seiten, so ist es durchaus angebracht, an der Erfüllung dieses recht hochgesteckten Anspruchs zu zweifeln. Der große Umfang bei Albrecht/Maurer lässt sich zu Beginn vor allem dadurch erklären, dass, wie bereits am Titel zu erkennen ist, eine umfassende theoretische Ausführung zu Themen des Investitionsmanagements, die zwar Überschneidungen zum Risikomanagement aufweisen, jedoch eine selbstständige Disziplin darstellen, wesentlicher Bestandteil des Lehrtexts ist. Umfassendere Analysen sind Gegenstand der folgenden Kapitel.

Neben Lehr- sind vor allem Handbücher gängige Formen für Gesamtdarstellungen eines Fachgebiets. Solche Handbücher entstehen allerdings in der Anfangsphase neuer Fachrichtungen sehr sporadisch und weisen mitunter große Abweichungen zueinander auf. Im Bereich Risikomanagement kam nach den bereits für die Lehrbücher beschriebenen Kriterien nur das 2015 von Gleißner/Romeike herausgegebene „Praxishandbuch Risikomanagement Konzepte – Methoden – Umsetzung“ infrage (das einzige vergleichbare Werk mit allgemeiner Ausrichtung wurde von Johanning/Rudolph bereits im Jahr 2000 herausgegeben). Mit nach gleicher Konvention wie oben gezählten 934 Seiten weist es einen Umfang auf, der, auch angesichts der weiterführenden Literaturhinweise am Ende der jeweiligen Beiträge, für die tendenziell gegenläufigen Anforderungen von Vollständigkeit und Kompaktheit einen vernünftigen Kompromiss für diese Publikationsgattung darstellen kann (für alle untersuchten Bücher gilt im Folgenden die Zitierkonvention, dass der Bezug durch die – ggf. mit Schrägstrich verbundenen – Namen ohne die Jahreszahl erfolgt. Beim Praxishandbuch kommt hinzu, dass auf das Kürzel (Hrsg.) verzichtet wird und immer nur auf das gesamte Buch und nicht auf die einzelnen Beiträge verwiesen wird. Diese können im Bedarfsfall über die angegebenen Seitenzahlen identifiziert werden).

Für alle Bücher lassen sich nach deren eigenen Angaben drei wesentliche Zielgruppen ausmachen: Studierende, Praktiker und Wissenschaftler, wobei letztere weniger in ihrer forschenden als in ihrer lehrenden Tätigkeit adressiert werden. Privatpersonen, wie sie bei Eller/Heinrich/Perrot angesprochen werden, sind nicht von Belang. Mit Broll/Wahl und Möbius/Pallenberg richten sich lediglich zwei Bücher ausschließlich an Studierende, nur drei praktisch exklusiv an Praktiker (Brauweiler, Gleißner und Romeike/Hager). Alle anderen fokussieren sich mindestens an diese beiden Zielgruppen, Albrecht/Maurer, Cottin/Döhler und Eller/Heinrich/Perrot wollen alle drei genannten Zielgruppen ansprechen. Gleißner/Romeike sind qua Titel schon auf Praktiker fixiert, wobei Handbücher bekanntlich auch in der akademischen Aus- und Weiterbildung oft dadurch zum Einsatz kommen, dass ihre Beiträge als Einstieg in jeweilige Teilgebiete verwendet werden.

Diese unterschiedliche Adressierung impliziert einen gewissen Anspruch an die Ausrichtung des Texts. Studierende sind in erster Linie Konsumenten wissenschaftlicher Forschung, leider wird Fachliteratur oft nur dann gelesen, wenn explizit dazu aufgefordert wurde. Aufgabe der Lehrenden ist es hingegen primär, die Bücher zu bewerten und auf ihre Tauglichkeit für entsprechende Lehrveranstaltungen hin zu prüfen [vgl. etwa Swales 1995, S. 4]. Praktiker hingegen sind an konkreten Methoden sowie Anwendungen von Theorien in der Unternehmenspraxis interessiert. Entsprechend bieten sich als erste Vergleichskriterien zwischen den Büchern der regelmäßig in Vorworten und/oder Eingangskapiteln formulierte eigene Anspruch sowie die disziplinäre Ausrichtung an, bevor die Inhalte konkreter untersucht werden.

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[Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Fachzeitschrift RISIKO MANAGER 10/2017. Die Ausgabe ist ab dem 25. Oktober 2017 lieferbar und kann auch einzeln bezogen werden.]

Autoren:
Jan Braunschmidt, M.Sc., Universität Würzburg.
Christina Trageser, B.Sc., Universität Würzburg.
Prof. Dr. Leonhard Knoll, Universität Würzburg.

Artikelbild: ©Vimvertigo - iStockphoto