Nach Brexit drohen leere Kassen

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02. Februar 2017
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Von Paul J. Davies

Die britische Finanzindustrie zittert dem Austritt Großbritanniens aus der EU entgegen, denn es steht viel auf dem Spiel. Besonders problematisch könnte der Brexit jedoch für den Staat selbst und seine Finanzen werden. Finanzdienstleistungen sind ein wichtiges Exportgut für das Königreich, doch dank Premierministerin Theresa Mays harter Verhandlungsstrategie kann es gut sein, dass das Land seinen Zugang zu den europäischen Märkten komplett und ohne Vorwarnung verliert. Dadurch würden Großbritannien hohe Umsätze durch die Lappen gehen.

Oft hat man London den Investmentbanker Europas genannt. Britische Banken kümmern sich um über die Hälfte der Kapitalerhöhungen europäischer Unternehmen und um drei Viertel der Devisen- und Derivategeschäfte. Laut der Strategieberatung Oliver Wyman macht die EU jedoch nur 20 Prozent britischer Bankenumsätze aus. Es ist unwahrscheinlich, dass Banken große Teile ihrer Belegschaft auf das europäische Festland übersiedeln - es ist teuer, Mitarbeiter zum Umziehen zu bewegen. 60 Prozent der Umsätze britischer Banken stammen aus Geschäften im Inland und die übrigen 20 Prozent von außerhalb der EU. Wichtig sind die in der EU erwirtschafteten Umsätze vor allem für die britische Zahlungsbilanz. Wenn Unternehmen und Investoren aus der EU nicht mehr über Londoner Banken Kredite aufnehmen, Kapital beschaffen oder investieren können, würde das die britische Leistungsbilanz deutlich verschieben. Aktuell schlägt dort bereits ein problematisches Außenhandelsdefizit von 6 Prozent des britischen BIP zu Buche. Oliver Wyman schätzt, dass sich die britischen Bankenumsätze aus EU-verwandten Aktivitäten und Euro-verwandten Produkten 2015 auf 23 bis 27 Mrd. Pfund beliefen. Das entspricht in etwa der staatlichen Schätzung der an die EU exportierten Finanzdienstleistungen (ausschließlich Versicherungen) von 22,4 Mrd. Pfund im Jahr 2015.

Großbritannien importiert kaum europäische Bankdienstleistungen, weshalb sich der Außenhandelsüberschuss mit der EU bei den Finanzdienstleistungen auf 19 Mrd. Pfund belief. Das entspricht über 90 Prozent seines gesamten Dienstleistungsüberschusses gegenüber der EU und 22 Prozent des Dienstleistungsüberschusses gegenüber der ganzen Welt. Ohne EU-verwandte Bankengeschäfte wäre das Außenhandelsdefizit 2015 über einen Prozentpunkt des BIP größer ausgefallen. Verschärfend kommt hinzu, dass die britischen Importe 2016 gestiegen sind, die Exporte jedoch nicht. Laut Nomura würde es zudem immer schwieriger werden, das Außenhandelsdefizit zu finanzieren. Ausländische Finanzfirmen sind seit 2008 für etwa die Hälfte aller Direktinvestitionen in Großbritannien verantwortlich. Dieses Geld hilft dabei, die Handelsbilanz zu finanzieren. Ohne solche Kapitalströme ist mit höheren Zinsen und sogar einem schwächeren Pfund zu rechnen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Bankenumsätze aus der EU schnell abebben werden. Ein Handelsabkommen, laut dem die britische Finanzindustrie ihren Zugang zur EU behält, wäre kompliziert und zeitraubend, selbst wenn beide Seiten guten Willen zeigen. Wenn Großbritannien sich stattdessen an den Regeln der Welthandelsorganisation orientiert, wie May es bereits angedroht hat, hätte das Königreich gar keinen Zugang zum EU-Markt. Bei einem harten Brexit würden die Umsätze aus dem Geschäft mit EU-Kunden verschwinden und die britische Außenhandelsbilanz würde leiden. Ob sich dadurch auch Jobs in die EU verlagern, ist ein zweitrangiges Problem. (DJN) 

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