Indiens digitale Revolution als Chance für den Aktienmarkt?

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22. Februar 2019
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Tim Love

Indiens Regierung und Zentralbank verfolgen das Ziel, den Zugang zu Finanzmitteln in der Binnenwirtschaft zu verbessern und zügig zu standardisieren. Die Regierung Modi hat das universelle biometrische Erkennungssystem „Aadhaar“ eingeführt, das die Effizienz der indischen Wirtschaft verbessern und gleichzeitig die Abhängigkeit des Landes von physischen Geldtransaktionen verringern soll. Durch „Aadhaar“ wird es einfacher, die Kredithistorie von Einzelpersonen nachzuvollziehen, sodass Indiens Kreditinstitute den Kreditvergabeprozess effizienter gestalten können.

Indien ist zwar eine der größten Volkswirtschaften der Welt, dennoch ist Bargeld unverändert das wichtigste Zahlungsmittel des Landes. Nach Angaben der indischen Denkfabrik Niti Aayog werden gerade einmal elf bargeldlose Transaktionen pro Kopf und Jahr abgewickelt – einer der niedrigsten Werte unter den großen Volkswirtschaften der Welt. Das liegt daran, dass sowohl auf dem Land als auch in den Städten eine Abneigung gegen das bargeldlose Bezahlen herrscht, aber auch am historischen Mangel der Infrastruktur zur Zahlungsabwicklung im Land. 

Es war von Anfang an klar, dass „Aadhaar“ ein komplexes Projekt sein würde, denn das Ziel war die biometrische Identifikation der gesamten indischen Bevölkerung – also von 1,4 Milliarden Menschen. Es hat sieben Jahre gedauert, doch es wurden große Fortschritte erzielt – heute kann die Identität von 1,2 Milliarden Indern per Fingerabdruck, DNA- oder Retina-Scan festgestellt werden. Dies erleichtert die unbürokratische, papierlose Eröffnung neuer Bankkonten und dürfte das Steueraufkommen in Indien steigern. Das wiederum wird die Schattenwirtschaft eindämmen und der Bonitätseinstufung des Landes bei Rating-Agenturen wie Moody’s sowie Standard and Poor’s zugutekommen. 

Radikale wirtschaftliche Veränderungen erwartet

Weitere Säulen des digitalen Wandels in Indien sind das als „Jan Dhan Yojana“ bezeichnete Programm des Landes zur finanziellen Einbeziehung aller Bevölkerungsschichten, sowie die großen Anstrengungen zur Einführung mobiler Dienstleistungen. Ersteres sollte den Zugang zu Finanzdienstleistungen verbessern und bezahlbar machen; das Programm ging im Jahr 2014 an den Start. Seitdem wurden über 300 Millionen neue Bankkonten eröffnet, und damit vielen Menschen in ganz Indien der Zugang zu Bankdienstleistungen ermöglicht. Wir sind davon überzeugt, dass „Aadhaar“, das „Jan Dhan Yojana“-Programm und Indiens Aufstieg zum zweitgrößten Internet-Nutzer der Welt die indische Wirtschaft radikal verändern werden – mit „Aadhaar“ können die Nutzer sogar per Mobiltelefon mithilfe einer eindeutigen ID-Nummer Geldbeträge überweisen. 

Indiens Vorstoß zur Digitalisierung der Wirtschaft erfolgt parallel zu den jüngsten Maßnahmen der Regierung zur Umsetzung des Gesetzes über Steuern auf Waren und Dienstleistungen (GST). Das seit Langem erwartete GST ist unserer Ansicht nach ein wichtiger Meilenstein für die Wirtschaft. Seine Einführung zielt auf den Abbau von Handelsschranken, die Beseitigung unnötiger Kosten und die langfristige Förderung eines stärkeren Wachstums ab. 

Das GST stellt eine Verfassungsänderung dar, durch die unzählige bundesstaatliche und nationale Steuern auf eine Reihe von Waren und Dienstleistungen durch eine landesweit einheitliche indirekte Steuer ersetzt werden. Gleichzeitig wird das Gesetz unserer Auffassung nach mehrere Ebenen interner Bürokratie beseitigen, um einen funktionsfähigen, straffen und einheitlichen indischen Markt zu schaffen. Vor der Einführung der GST wurden auf bundesstaatlicher Ebene verschiedene Steuern erhoben, wodurch ein äußerst komplexes Geschäftsumfeld entstand. Das GST soll sowohl im inländischen als auch im ausländischen Geschäftsverkehr einheitlichere und reibungslosere geschäftliche Transaktionen ermöglichen und dadurch Indiens Wachstum ankurbeln. 

Laut dem Research-Bericht „India’s Digital Leap – The Multi-Trillion Dollar Opportunity“ (Digitalisierung in Indien – eine billionenschwere Chance) von Morgan Stanley besitzt Indien gewaltiges Wachstumspotenzial. Das BIP könnte durch Modis Digitalisierungsinitiative demnach bis zum Jahr 2027 auf 6 Bio. US-Dollar anwachsen. Sollte dies so eintreten, würde Indien zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen, nur überflügelt von den USA und China. Wir glauben, dass dies nicht nur auf Indien Auswirkungen hätte. Die potenzielle Zunahme des Internet-basieren Handels sowie an Finanzprodukten und Investitionen wird Indien zu einem wichtigen Markt für global operierende Unternehmen machen. Vor allem wird Indien im Erfolgsfall ein Vorbild für andere Schwellen- als auch für Industrieländer werden.   

Umsichtige Aktienauswahl entscheidend

Zwar sind indische Aktien im historischen Vergleich zu Aktien von Schwellenländern aktuell hoch bewertet, dennoch glauben wir, dass sich vereinzelt Chancen bieten. Indiens Währung hat sich zuletzt stabilisiert, ebenso der langfristige Ausblick für das Kredit-Rating, sodass es attraktiver geworden ist, in diesem Land zu investieren. Wir sind davon überzeugt, dass die Digitalisierung, die Umstellung auf bargeldlosen Zahlungsverkehr und die Verabschiedung des GST das ohnehin bereits enorme Potenzial Indiens weiter vergrößern werden. 

Im Mai 2019 stehen in Indien Parlamentswahlen an, und ein Regierungswechsel könnte das Tempo und die Ausgestaltung des Reformprogramms gefährden. Allerdings scheinen die meisten politischen Kandidaten eine wirtschaftsfreundliche Politik zu unterstützen und wir gehen davon aus, dass Indiens Wachstumsmotor keine Anzeichen einer Abschwächung liefert. Da sich das Geschäftsumfeld im Land rasch verändert, halten wir jedoch eine umsichtige Titelauswahl für sehr wichtig, um von diesem Markt zu profitieren. 

Wir bevorzugen derzeit eine leicht übergewichtete Position in Indien. Auf Sektorebene erscheinen private und öffentlich-rechtliche Banken, der Bildungsbereich, Beratungsunternehmen, die Petrochemie sowie einzelne Segmente des zyklischen Konsumgüterbereichs wie Autos und Textilien interessant. Der mittlerweile teure Immobiliensektor und Konsumgüter wie Tabakunternehmen sind dagegen weniger attraktiv.

Ein Marktkommentar von Tim Love, Investment Director bei GAM Investments und Lead-Fondsmanager der Emerging Markets Equity Strategie.