Geldmärkte spielen wegen Regulierung verrückt

ERM
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03. Januar 2018
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Von Jon Sindreu

Am Jahresende 2016 wurde es an Europas Geldmärkten schon einmal turbulent, insofern waren die Händler zu diesem Jahreswechsel vorgewarnt. Und in der Tat herrschte an den Geldmärkten dann auch wieder kräftig Volatilität. So stürzte der Zins auf mit Bundesanleihen besicherte Ein-Tages-Kredite am letzten Handelstag 2017 von minus 0,7 Prozent in der Vorwoche auf minus 4,4 Prozent ab. Der plötzliche Einbruch spiegelt den Versuch der Banken wider, ihre Kreditvergabe und -aufnahme an dem Tag temporär zu drosseln, der für die Regulierer mit Blick auf die Bankbilanzen relevant ist. Dass sich die Ereignisse 2017 wiederholten, veranschaulicht, wie neue Regulierungen auch für Risse im Kitt der Finanzmärkte sorgen. Eigentlich sollen sie ja das Finanzsystem sicherer machen.

Die Nach-Krisen-Regeln zwingen die Geldhäuser dazu, Extragelder einzusammeln, sobald sie ihre Kreditaufnahme und -vergabe erhöhen. In Europa berichten die Banken über diese Größen am Quartalsende, weshalb viele von ihnen zu diesem Datum ihre Positionen lieber abbauen. Am Jahresende verstärkt sich dieser Effekt noch, da die weltgrößten Geldhäuser in der Rangliste der systemrelevanten Kreditgeber lieber weiter unten stehen wollen. Eine hohe Systemrelevanz resultiert nämlich in mehr Kapitalauflagen. Das Ergebnis: Je näher das Jahresende rückt, desto eher weisen die Banken Fondsmanager ab, die ihre Gelder sicher parken wollen. Als Kurzfristmarkt dafür dient klassischerweise der Repomarkt. Fondsmanager leihen ihr Kapital den Banken oder anderen Drittparteien und nehmen dafür ultrasichere Staatsanleihen als Sicherheiten. Doch angesichts von Finanzkonzernen, die diese Geschäfte scheuen, brechen dann die Zinsen ein, die fällig werden. Das gilt nicht nur für Deutschland. So mussten Fondsmanager zum Jahresende auf Übernachtkredite, die mit französischen Staatsanleihen hinterlegt waren, Strafzinsen in Höhe von 3,9 Prozent berappen. Die plötzlichen Preisanstiege können auch die Banken selbst schwer treffen. Im Dezember 2016 etwa sorgten solche Bewegungen dafür, dass die Société Générale ihren schlimmsten Handelstag des Jahres erlebte. Dieser markierte sogar den einzigen Tag des Jahres, an dem die statistischen Schätzungen für Verlustwahrscheinlichkeiten die Grenzwerte überschritten. Dieses Jahr war es etwas entspannter, da zum Beispiel viele Hedgefonds bereits im November die Laufzeit ihres Geldverleihs verlängert hatten. Das spiegelte sich auch in relativer Ruhe bei entsprechenden Derivateprodukten wider.

Selbst auf dem Repomarkt ging es dann weniger turbulent zu. Die europäischen Banken haben offenbar ihre Versuche optimiert, die Bilanzen zum Stichtag so zu verkleinern, dass nicht weniger Gelder verliehen werden müssen, etwa über eine bessere Koordinierung der Handelsräume. Zudem gibt es aktuell auch mehr Anleihen, die die Banken ihren Klienten als Sicherheiten bieten können. So akzeptieren dank des Wirtschaftsaufschwungs im Euroraum viele Fondsmanager auch wieder Papiere aus Spanien und Italien, wie Händler berichten. Aus solchen Gründen kam es 2017 auch erst am letzten Handelstag und nicht schon vorher zu den genannten Turbulenzen. (DJN) 

 

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