Die Zukunft nachhaltig finanzieren

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18. Juni 2019
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Shawn Keegan

Nachhaltige Investments sind in aller Munde und Anleiheinvestoren wollen dabei ebenfalls einen größeren Beitrag leisten. Anstatt einfach nur „problematische Branchen“ aus ihren Portfolios herauszufiltern oder sich auf sogenannte „Green Bonds“ zu beschränken, möchten Bond-Investoren eine aktivere Rolle spielen. Die Ziele der Vereinten Nationen (UN) für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) bieten dabei eine Orientierungshilfe für die Auswahl von Firmen, die der Umwelt helfen und eine gerechtere Welt schaffen wollen.

Die SDGs sind 17 Ziele, die die UN im Jahr 2015 festgelegt haben, um bis 2030 eine nachhaltigere Welt zu schaffen. Die Ziele decken ein breites Themenspektrum ab – von sauberem Wasser bis hin zur Geschlechtergleichstellung. Etwa 193 Länder haben sich verpflichtet, auf ihre Verwirklichung hinzuarbeiten. Die geschätzten Kosten für die Realisierung der SDGs liegen bei etwa 90 Bio. US-Dollar, sie sind jedoch zu hoch, als dass der öffentliche Sektor sie allein tragen könnte. Anleger können zur Verwirklichung der Ziele beitragen, indem sie nicht nur staatliche und gemeinnützige Anstrengungen finanzieren, sondern auch in ehrgeizige Versuche der Unternehmenswelt investieren, sich positiv zu verändern.

Investitionsmöglichkeit SDGs

Einige der 17 Bereiche, die die SDGs abdecken, bieten mehr Investitionsmöglichkeiten als andere. Anleiheinvestoren können die 169 Teilziele innerhalb der SDGs nutzen, um eine Liste potenzieller Investments zu erstellen. Zu diesen Zielen zählen etwa die Verbesserung des Zugangs zu erschwinglichen Medikamenten und Impfstoffen und die breitere Verfügbarkeit von sauberem Wasser.

Unsere Analyse ergab etwa 80 Produkte und Dienstleistungen, die mit den SDGs im Einklang sind. Im nächsten Schritt identifizierten wir 784 globale Emittenten, die diese Produkte und Dienstleistungen anbieten. Einige Beispiele: eine Bank in einem Schwellenland, die einen großen Teil der Mikrofinanzkredite an Unternehmerinnen vergeben hat, um die Geschlechtergleichstellung zu fördern; eine Großbank aus einem Industriestaat, die in grüne Anleihen investiert hat und Kredite an kleine und mittlere Unternehmen vergibt; und ein biopharmazeutisches Unternehmen, das einen beträchtlichen Teil seiner Medikamente in die Schwellenländer liefert.

Dabei gilt es zu bedenken, dass die Verwendung der SDGs nicht direkt gleichzusetzen ist mit einem starken Umwelt-, Sozial- und Governance- (ESG) Profil. Eine ESG-Analyse ist ein wichtiger Teil des Risikomanagements eines Investments, denn Unternehmen, die hier stark abschneiden sind oft weniger anfällig für Skandale, die zu Bußgeldern führen können. Deshalb berücksichtigen die besten Fondsmanager ESG-Themen grundsätzlich bei ihrem Fundamentalresearch. Diese Integration ist gute Praxis, erfordert aber von Investoren keine Entscheidung darüber, welche Unternehmen das Potenzial haben, die Welt zum Besseren zu verändern.


Abb. 1

SDGs eröffnen neue Chancen

Die Anlage in Unternehmen, die an der Erfüllung der SDGs arbeiten, hat mehrere Vorteile. Während die Emission von grünen Anleihen (Green Bonds) stark wächst, ist der Markt im Vergleich zum globalen Investment-Grade-Markt noch relativ klein (Abb. 1). Grüne Anleihen sind zudem weniger liquide und können im Sekundärmarkt schwieriger zugänglich sein als ihre traditionellen Pendants. Allerdings verbleibt nach dem bloßen Aussortieren von Anleihen in offensichtlich problematischen Branchen ein zu großes Universum, um für Anleger, die wirklich eine nachhaltigere Zukunft aufbauen wollen, wirklich von Bedeutung zu sein.

Der Mythos des perfekten Investments

Es ist nicht einfach, das richtige nachhaltige Investment zu finden. Beispiel Automobilindustrie: General Motors, Volkswagen und Ford Motor haben sich in den letzten Jahren alle stark in der E-Mobilität engagiert. Elektrofahrzeuge produzieren über eine Lebensdauer von 160.000 Kilometern 10 bis 24 Prozent weniger Treibhausgasemissionen als Benzinautos. Dieser Prozentsatz könnte steigen, da erneuerbare Energien weiterhin Marktanteile von fossilen Quellen erobern und damit auch eine größere Rolle bei der Betankung von Elektroautos spielen. Doch General Motors und Ford Motor sind auch stark vom Verkauf von Benzinschluckern wie Pick-ups und SUVs abhängig.

Wir halten es für sinnvoll, den Übergang traditioneller Automobilunternehmen zu Elektrofahrzeugen zu unterstützen, auch wenn sie nicht über Nacht ihre gesamte Fahrzeugpalette elektrifizieren. Anleihen bilden hierbei oft das wichtigste Finanzierungsinstrument und sind somit entscheidend, um diesen Übergang zu ermöglichen. Warum aber nicht einfach in Tesla Motors investieren, das ausschließlich Elektrofahrzeuge herstellt? Zwar sind die Produkte von Tesla relativ umweltfreundlich, aber das Unternehmen hat mit seinem Herstellungsprozess zu kämpfen und sah sich in letzter Zeit einigen Governance-Problemen ausgesetzt, es birgt somit mögliche Risiken für langfristig orientierte Anleger – auch wenn die Produkte der Firma die SDGs sicherlich fördern.

Emittenten zur Rechenschaft ziehen

Nachhaltiges Investieren hört nicht bei der ersten Anlageentscheidung auf. Fondsmanager müssen sich regelmäßig mit dem Management hinsichtlich dieser Fragen befassen, um sicherzustellen, dass die Versprechen, die SDGs zu unterstützen, bei der Entwicklung von Produkten, Dienstleistungen und Praktiken eingehalten werden. Unternehmen aufzufordern, sich am Aufbau einer grüneren, gerechteren Welt zu beteiligen, ist keine einfache Aufgabe. Doch je mehr Stimmen diese Zielsetzung einfordern, desto schneller kann ein Wandel erfolgen.

Ein Marktkommentar von Shwan Keegan, Portfoliomanager Sustainable Global Thematic Credit Portfolio beim Asset Manager AllianceBernstein (AB).