Die Rolle des Risikomanagements und effiziente Risikokultur

ERM
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15. September 2017
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Von Eugenia Schmitt

Die Analysen der Auswirkungen der Finanzkrise der letzten Jahre zeigen, dass eine nicht angemessene Risikokultur so wie Mängel im Risikomanagement die Hauptrolle bei den Notlagen der Banken spielten. Das Risikomanagement wurde für die großen Verluste der Banken verantwortlich gemacht, das Vertrauen in die quantitativen Modelle wurde stark erschüttert. Man sprach über das Versagen des Risikomanagements. Der Umgang mit Risiken und die Änderung der Risikokultur rückten in das Rampenlicht der Regulierung. Im Kontext dieser Entwicklungen ist es bedeutend, die Rolle des Risikomanagements – in der Bank und bei der Risikoübernahme speziell – näher zu untersuchen. Die Tatsache, dass eine Bank einen großen Verlust erleidet, impliziert nicht zwingend, dass das Risikomanagement oder die Führungsebene einen Fehler machten. Es ist somit notwendig zu definieren, was das Versagen des Risikomanagements bedeutet. Dafür sollen die Rolle des Risikomanagements in der Bank und seine Einschränkungen verstanden werden.

Jede gut geführte Bank nimmt so viele Risiken auf, dass sie den Shareholder Value maximiert, bei gleichzeitigem Einhalten der Regulierungsanforderungen. Somit ist die primäre Aufgabe des Risikomanagements nicht unbedingt die Reduzierung der Risiken, sondern die Identifizierung und die Messung solcher Risiken, die eine destruktive Wirkung in sich tragen. Die Vermeidung solcher Risiken steht im Mittelpunkt der Risikoentscheidungen. In den letzten Dekaden wurde der Fokus auf die quantitativen Aspekte der Risikomessung gelegt. Hierbei wurden die qualitativen Aspekte der Risikobeurteilung, die jedoch weitreichende Auswirkungen haben können, in den Hintergrund gedrängt. Die Finanzmarktkrise lösten jedoch nicht die mathematischen Modelle an sich aus, sondern der vorherrschende Umgang mit den Risiken und Strategien der Entscheidungsfindung, sowie die gewohnten Kommunikationsmuster und -wege bei dem jeweiligen Finanzinstitut. Um sich gegen die nächste mögliche Krise zu wappnen, sollte die Risikokultur mit dem Risikomanagement Hand in Hand an die neuen Gegebenheiten und im Einklang mit dem Geschäftsmodell angepasst werden.

Im Folgenden werden ein Überblick über ausgewählte Gesichtspunkte des Umgangs mit bekannten und unbekannten Risiken skizziert sowie die Rolle und die Einschränkungen des Risikomanagements aufgezeigt. Auf dieser Basis wird die Einbettung des Risikomanagements in eine effektive Risikokultur abgeleitet und gezeigt, dass das Risikomanagement einen bedeutenden Beitrag zum Erfolg einer Bank leistet.

Was bedeutet eine effektive Risikokultur?
Das Thema Risikokultur ist nicht ganz neu, dennoch gibt es bislang keine eindeutig etablierte Definition dieses Begriffs. Die MaRisk (Fassung vom 18.2.2016, S. 9) definiert in AT 3 Tz 1 die Risikokultur aus dem Blickwinkel des bewussten Umgangs aller Mitarbeiter mit den Risiken und sieht die Geschäftsleitung in der Verantwortung zum klaren Bekenntnis zu risikoangemessenem Verhalten, zu dem auch die Kommunikation des Risikoappetits gehört. Der Financial Stability Board [Vgl. FSB 2014, S. 1; BCBS 2015, GL 328, S. 2] hebt den Zusammenhang der Risikokultur und des Risikomanagements hervor. Es gibt eine ganze Reihe von verhaltensorientierter Literatur über die Organisationskultur, aber immer noch wenig ökonomische Literatur beziehungsweise empirische Untersuchungen. Klar ist jedoch, dass sich Kultur über das Leben des Unternehmens hinweg entwickelt, das heißt es ist ein Prozess, der auf den Erfahrungen, Wertvorstellungen, zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Verhalten basiert. Die allgemeine Organisationskultur hat Einfluss darauf, welche Umstände als risikoreich eingestuft werden und wie mit diesen umgegangen wird. Damit ist die Risikokultur ein Teil der Organisationskultur.

Intuitiv ist es klar, dass eine effektive Risikokultur nicht nur die Risiken möglichst schnell zu identifizieren und ihre Auswirkung zu schätzen ermöglicht, sondern auch eine Unterstützung bietet, die Entscheidungen über den Umgang mit ihnen an die aktuellen Gegebenheiten zeitnah anzupassen. Es ist somit die Fähigkeit des Finanzinstituts, die wertbringenden Risiken aufzunehmen, welche es gut in der Art und Weise steuern kann, dass die nachhaltige Geschäftsstrategie erreicht wird. Dafür ist es in der ersten Linie notwendig, ein Institutsweites Verständnis darüber zu haben, was unter dem Risiko im Hause selbst verstanden wird.

Die mathematisch-ökonomische Sicht auf die Risiken
Eine anschauliche Darstellung der Krise beziehungsweise des Risikos bietet das chinesische Schriftzeichen , das aus zwei Teilen besteht und gleichzeitig beide Ausprägungen des Begriffs veranschaulicht: die Gefahr und die Gelegenheit. Aus mathematisch-ökonomischer Sicht beschreibt das Risiko mögliche Wertveränderungen eines Untersuchungsgegenstands innerhalb einer bestimmten Zeitspanne, die einer Entscheidungsfindung zugrunde liegt. Es wird nach der Entscheidung unter Sicherheit und unter Unsicherheit unterschieden. Demnach sind Risiken messbar, wenn den denkbaren Zuständen Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden können. Das ist bei Unsicherheit jedoch nicht der Fall. Im Allgemeinen wird mit dem Risiko eine negative Abweichung von einer Zielgröße interpretiert. Die Folge ist Geldverlust. Für die ökonomische Interpretation ist die Chance als positive Abweichung vom erwarteten Ergebnis ebenfalls bedeutend. Ohne die Übernahme der „guten“ Risiken ist jedoch keine Innovation möglich. Diese Seite findet jedoch oft zu wenig Beachtung. Somit besteht die Aufgabe des angemessenen Risikomanagements nicht unbedingt in der Vermeidung der Risiken. Vielmehr geht es darum, dass die Bank nur diejenigen Risiken übernimmt, die sie beabsichtigt zu übernehmen und von den sie sich Vorteile erwartet [Vgl. Ellul 2015, S. 7, 8]. Für diese Risiken soll selbstverständlich hausintern eine zuverlässige Bewertungsmethodik vorhanden sein.

Es gibt jedoch Projekte, die vorteilhaft erscheinen, die aber Risiken nach sich ziehen, für die es im Institut noch keine etablierten Bewertungsmethoden und Vorgehensweisen gibt. Solche Fälle sind der Tatbestand einer Risikokultur, die letzten Endes bestimmt, ob die Chance auf mögliche Gewinne oder „Fuß fassen“ auf einem bestimmten Marktsegment wahrgenommen oder lieber auf sie verzichtet wird, bis entsprechende Prozesse aufgesetzt werden. Das Risiko kann hier in Form von nicht Ergreifen der Möglichkeiten auftreten. Die potenziellen Gewinne sind gegen die möglichen Kosten abzuwiegen. Hier entscheiden nicht mehr die quantitativen Methoden, sondern das menschliche Gefühl und die Erfahrung. Das Ergebnis hängt von dem Risikoappetit ab, dessen Formulierung den Kern der Geschäftsstrategie darstellt.

Risiken, die ein Finanzinstitut erleiden kann, können in fünf Kategorien eingeteilt werden: finanzielle Risiken, operationale Risiken, strategische Risiken, Konformitätsrisiken und andere Risiken. Sie treten jedoch selten isoliert auf. Ihre Interaktion führt potenziell zum Insolvenzrisiko. Somit ist die Beantwortung der Frage: „Welche Konsequenzen hat die Risikoübernahme und welches potenzielle Ausmaß haben sie?“ die zentrale Aufgabe des Risikomanagements.

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[Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Fachzeitschrift RISIKO MANAGER 08/2017. Die Ausgabe ist seit dem 30. August 2017 lieferbar und kann auch einzeln bezogen werden.]

Autorin:
Eugenia Schmitt, Business Coach & Consultant, FinanzRisk Consulting, München

Artikelbild: ©RichVintage - iStockphoto