Die Lehre der Risikopotenziale im Umgang mit Risiken

ERM
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13. April 2017
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Robert Brunnhuber, Mohammad Abed-Navandi

Ziel dieses Beitrags ist eine kurze Darstellung des Konzepts der Risikopotenziale. Ausgangspunkt dafür ist ein holistisches Kausalitätsverständnis, welches allgemein anwendbar ist. Die Grundidee ist bereits in mehreren Bereichen auffindbar, aber ihre einheitliche Darstellung verdeutlicht ihren Charakter als Minimalkonsens für die Risikoforschung und das Risikomanagement. Eine der wichtigsten Herausforderungen steht dabei im Zentrum: die „emergence risks“ (vgl. SRA, 2015). An einführenden Beispielen werden die Grundlagen dieses Konzepts erklärt und es wird eine modifizierte Risikoformel als Prüfinstrument vorgestellt.

Ausgangspunkt der folgenden Darstellung sind statistische und empirische Erkenntnisse zur „Unfallpyramide“ aus den Sicherheitswissenschaften. Bekannt wurde sie wegen „Near Misses“ (kurz: NM). Solche werden im engeren Sinn mit „Beinahe-Unfällen“ oder „Beinahe-Fehlern“ gleichgesetzt, können aber im weiteren Sinn auch als „Bündel“ von bedingenden Faktoren verstanden werden, die zu NM im engeren Sinn führen: „unsichere Zustände“, „Schwachstellen“, „unsicheres Verhalten“ etc. Nach der Aufzählung der „Austrian Near Miss Association“ (ANMA) zählen auch sogenannte „Risikopotenziale“ dazu (vgl. anma.at), die hier als Oberkategorie verstanden werden. Die hohe Bedeutung von NM in allen modernen Ansätzen des Sicherheitsmanagements liegt darin begründet, dass seit den frühesten Untersuchungen immer wieder dieselbe pyramidale Verhältnismäßigkeit bestätigt wurde, wonach ziemlich exakt 29 „Near Misses“ einem tatsächlichen Schadensereignis vorausgehen – auch „Heinrich's Gesetz“ genannt [siehe hierzu Romeike 2009]. Rein mathematisch überrascht ein solches Ergebnis nicht. Aber auch wenn es zu Abweichungen davon kommt – was selbstverständlich ist, ist jedenfalls die Anzahl von NM stets höher als die Anzahl tatsächlicher Schadensereignisse [für einen Überblick zu Forschungsergebnissen vgl. Gnoni/Lettera 2012]. Rein theoretisch ist dies leicht nachvollziehbar: Letztlich gibt es meistens immer mehr Möglichkeiten, wie etwas fast „schiefgehen kann, als es tatsächlich schiefgehen könnte“, um Murphy's Gesetz zu paraphrasieren. Genau diese verallgemeinerbare Erkenntnis führt zum Konzept der Risikopotenziale als gemeinsamem Minimalkonsens für qualitative und quantitative Beurteilungen aller Risiken. NM sind für eine allgemeine Anwendung geeignet, weil mit diesen das mögliche und realistische Schadenspotenzial frühzeitig eingeschätzt werden kann.

Das Konzepts liefert für gewisse wissenschaftliche und praktische Fragen eine praxisnahe Hilfestellung [vgl. Renn 2014, S. 35 ff. und S. 67 ff.; vgl. Erben/Romeike 2016, S. 149 ff.; vgl. SRA 2015, S. 7, 9, 12 und 14], besonders aber für „emergence risks“: „situations where the background knowledge is weak but contains indications/justified beliefs that a new type of event (new in the context of the activity considered) could occur in the future and potenzially have severe consequences to something humans value?“ [SRA 2015, S. 12]

Risikopotenziale an Beispielen des Jahres 2016
Das Arbeitsgebiet Sicherheits- und Arbeitsplatzrisiken ist zwar ein spezifisches, die Idee der Risikopotenziale wird aber in vielen weiteren Bereichen gefunden. Der vermutlich prominenteste ist die Epidemiologie. Es ist hinlänglich bekannt, dass die herkömmliche Wahrscheinlichkeitsrechnung für physikalische Phänomene bessere Ergebnisse liefert, das heißt die mathematische Abstraktion stimmt in diesen Fällen besser mit der Realität überein (beispielsweise beim berüchtigten Münzwurf), als überall dort, wo Lebensprozesse und im Speziellen menschliche Einflüsse maßgeblich sind. In der Epidemiologie ist es daher selbstverständlich, dass ein Risiko von sehr vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt. So ist die Wahrscheinlichkeit sich mit einem Erreger zu infizieren sehr viel höher während einer Epidemie. Jedoch ist auch bekannt, dass die individuelle Gefährdung von vielen Faktoren abhängt (Konstitution, Alter, Gesundheitsverhalten, soziales Umfeld etc.). Werden diese Faktoren nun formalisiert, lassen sich vier Kausalfaktoren definieren: Eine Grundursache (G); eine spezifische Folgeursache/Ursachenkette in einem spezifischen Kontext (K), die bestimmt welche tatsächliche Konsequenz in welchem möglichen Spektrum der Konsequenzen eintritt; ein die Folgeursache/Ursachenkette auslösender Auslöser (A); und gegebenenfalls ein Anlassfaktor für Auslöser (AN). Die vorhandene Epidemie kann daher als eine „tendenz-
erzeugende Grundursache“ oder kurz „Tendenzursache“ (G) verstanden werden. (...)

[Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Fachzeitschrift RISIKO MANAGER 04/2017. Die Ausgabe ist seit dem 29. März 2017 lieferbar und kann auch einzeln bezogen werden.] 

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Autoren:
Robert Brunnhuber MSc
, Human and Global Development Research Institute (DRI), Wien.
Dr. Mohammad Abed-Navandi, Austrian Nearmiss Association (ANMA), Wien.

Artikelbild: ©aluxum / iStockphoto.com