Deutsches Bankensystem lässt sich nicht erschüttern

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01. Dezember 2017
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Von Paul J. Davies

Aggressive, renditehungrige Akteure wie Cerberus aus den USA tauchen zwar als Großanteilseigner sowohl bei der Deutschen Bank als auch bei der Commerzbank auf. Doch die Eigenheiten des deutschen Bankenmarktes, der auf eine lange Geschichte zurückblickt, dürften die Bemühungen solcher ausländischen global agierenden Finanzfirmen ziemlich zielsicher ausbremsen. Die einem liberalen Marktkapitalismus anhängenden Akteure schimpfen über das am stärksten fragmentierte, ineffizienteste und am wenigsten gewinnträchtige Bankensystem der Eurozone. Zudem verweisen sie als Beleg für ihre Argumentation auf die von einem erheblichen Strukturwandel betroffenen Werften, denen die Branche faule Kredite in Höhe von 60 Mrd. US-Dollar verdankt.

Doch auch diese Kritiker kommen nicht umhin einzugestehen, dass der Anteil notleidender Kredite mit 2,2 Prozent am gesamten Portfolio in Deutschland EU-weit ziemlich gering ausfällt. Spanien und Italien dagegen stöhnen über Werte von 5,4 bzw. 12 Prozent. Von daher haben die Investoren auch kaum Grund, in Panik über die deutsche Bankenlandschaft zu verfallen, wenn die Aufsichtsbehörden jetzt ihr Regelwerk für faule Kredite verschärfen. Zudem sticht hier das markante Alleinstellungsmerkmal des deutschen Bankensystems hervor: Mehr als die Hälfte des Markts teilen Sparkassen und Genossenschaftsbanken untereinander auf.

Das lässt die Forderungen nach Änderungen natürlich nicht verstummen. Von einem Ödland mit chronischen Problemen ist die Rede. Als Beweis hält einmal mehr die Eigenkapitalrendite her, die auf lange Sicht derjenigen der anderen wichtigen Ökonomien Europas hinterhinkt. Demnach seien sogar die Italiener in der Lage, höhere Erträge für die Eigner zu erwirtschaften. Im Falle von Deutschland sind das Aktionäre, aber eben gerade auch Kommunen und Inhaber von Genossenschaftsanteilen. Im Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung hängt die geringe Rentabilität im Vergleich zu den meisten anderen Ländern nicht mit besonders günstigen Krediten für Haushalte und Unternehmen zusammen. Die Nettozinsmargen für Kredite rangieren in Deutschland zwar höher als in Spanien und Schweden. Zugleich sind sie aber kaum niedriger als diejenigen in Frankreich und den Niederlanden, ergibt sich aus Zahlen der UBS.

Deutsche Kunden sind notorisch risikoscheu
Das große Problem in Deutschland ist, dass die Geldhäuser so stark auf die Zinseinnahmen angewiesen sind. An Gebühren verdienen die Banken in Deutschland kaum etwas, während die Kosten zu den höchsten in Europa gehören. Und hier liegt das große Manko der Deutschen. Die risikoscheue Nation wagt sich einfach nicht so recht, Aktien zu kaufen. In letzter Zeit nehmen die Effektenkäufe sogar noch ab, so dass für die Geldhäuser kaum etwas an Provisionen herausspringt. Zudem trauen sich die Deutschen kaum eine Kreditaufnahme ohne Sicherheiten zu, was den Banken höhere Einnahmen als etwa mit dem Hypothekengeschäft bescheren würde.

Unterdessen fressen die Kosten in Deutschland mehr als 80 Prozent der Einnahmen auf, so die Citigroup. In Frankreich sind es 70, in Italien 60 und in Spanien gar nur 55 Prozent. Hier könnte eine Fusion der Commerzbank entweder mit der Deutschen Bank oder der zur italienischen Unicredit gehörenden Hypovereinsbank Abhilfe schaffen. Der Branchenprimus Deutsche Bank kann selbst aus eigener Kraft noch eine Menge bei der Postbank verbessern. Das würde allerdings – wie so häufig üblich - zu Lasten der Arbeitnehmer gehen. Bis zu ein Viertel der Filialen könnten geschlossen werden, schätzt Morgan Stanley. Doch selbst wenn es zu einer Fusion unter den Großbanken käme, würde das so gut wie nichts an der starken Stellung von Sparkassen, Landes- und Genossenschaftsbanken ändern. Auch die so risikoscheuen deutschen Privatkunden bleiben bis auf weiteres finanziellen Risiken mit potenziell hohen Erträgen gegenüber stark abgeneigt.

Deutsche Politik und Öffentlichkeit halten ihre schützende Hand über das bewährte deutsche Bankensystem. Daran wird selbstredend auch die derzeit schwierige Koalitionsfindung nichts ändern. Anglo-amerikanische Verfechter einer liberalen Marktwirtschaft können ihren Angriff auf die eher koordiniert betriebene Soziale Marktwirtschaft in Deutschland also womöglich gleich wieder abblasen. (DJN)

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