Compliance-Index-Modell: Neues Instrument zur Beurteilung und Verbesserung der Wirksamkeit formaler Compliance-Programme

ERM
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13. November 2017
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Von Sebastian Rick, Ralf Jasny

Aus dem aktuellen Stand der Forschung auf dem Gebiet der Organisationstheorie und der Verhaltensethik lässt sich schließen, dass die Wahrnehmungen formaler Compliance-Programme durch die Organisationsmitglieder für deren Wirksamkeit von größerer Bedeutung sind als die dimensionale Breite und Vielfalt in solchen Programmen. Beispielsweise fördern negative Legitimitätswahrnehmungen der Organisationsmitglieder im Hinblick auf das Compliance-Programm die Institutionalisierung von Fehlverhalten und führen zu einem Verlust an Organisationslegitimität. Aus den Befunden lässt sich schließen, dass die Wirksamkeit des Compliance-Programms bei der Bekämpfung von Fehlverhalten besser erklärt werden kann, wenn bedacht wird, in welchem Maß die Mitarbeiter positive Legitimitätswahrnehmungen hinsichtlich des Programms haben und bereit sind, Verstöße zu melden.

Modell und Methodologie
Ungeachtet seiner Bedeutung als zentrales Konzept in der psychologischen Forschung zu Reaktionen auf Autoritäten und Regeln kommt Legitimität in der Erforschung der Wirksamkeit formaler Compliance-Programme erstaunlicherweise bislang keine größere Bedeutung zu. Legitimität ist für Führungskräfte wünschenswert, denn das Vorhandensein von Legitimität im Denken von Menschen führt dazu, dass sie sich persönlich verpflichtet fühlen, sich Autoritäten zu fügen. Ohne Legitimität ist es schwierig, Menschen zu beeinflussen, ohne auf Zwangspraktiken zurückzugreifen. Legitimität ist von ähnlicher Bedeutung für Regeln einer Organisation, da Regeln, die als legitim wahrgenommen werden, in höherem Maße zu einer freiwilligen Regelbefolgung führen als Regeln, die als illegitim wahrgenommen werden. Daraus folgt, dass Legitimität für Führungskräfte in Organisationen und insbesondere für die Wirksamkeit formaler Compliance-Programme unerlässlich ist. Denn Mitarbeiter fühlen sich verpflichtet, Entscheidungen der Führungskräfte und Regeln zu befolgen, wenn diese als legitim wahrgenommen werden.

Um zu untersuchen, inwieweit Legitimität die Wirksamkeit formaler Compliance-Programme beeinflusst, haben die Autoren das Compliance-Index-Modell entwickelt, das einen neuen Typus eines mitarbeiterbasierten Systems zur Beurteilung – und Verbesserung – der Wirksamkeit formaler Compliance-Programme darstellt. Die Datengrundlage bildeten zwei unabhängig voneinander durchgeführte empirische Studien. Die erste Studie wurde im Zeitraum Juni 2016 bis August 2016 unter  mehreren Unternehmen durchgeführt. Primäres Ziel dieser ersten Studie war die Entwicklung des Messinstruments und Modells. Primäres Ziel der zweiten Studie war es, diese beiden Ergebnistypen im Hinblick auf ihre Praxistauglichkeit zu untersuchen. Dazu wurde das Modell bei einem Unternehmen pilotiert, um auf diese Weise zu überprüfen, ob damit auch unter „realen“ Bedingungen reliable und valide Ergebnisse erzielt werden können. Diese zweite Studie wurde im Juni 2017 erfolgreich durchgeführt und abgeschlossen – unterstützt durch Forschungsgelder des Frankfurter Instituts für Risikomanagement und Regulierung (FIRM; www.firm.fm) und der Standard Life Assurance Ltd.

Das Konzept, das hinter dem Compliance-Index-Modell steht, nämlich ein Gesamtmaß der Legitimitätswahrnehmungen der Mitarbeiter hinsichtlich des Compliance-Programms, also der „internen Compliance-Programmlegitimität“ (ICPL), das einheitlich und vergleichbar ist, erfordert eine Methodik mit zwei wesentlichen Grundeigenschaften: Erstens muss die Methodik der Tatsache Rechnung tragen, dass die „ICPL“ und die anderen im Modell verwendeten Konstrukte unterschiedliche Typen von Mitarbeiterwahrnehmungen darstellen, die nicht direkt gemessen werden können. Daher greift das Modell auf einen multiplen Indikatoransatz zurück, um die „ICPL“ als latente Variable zu messen. Indikatoren sind direkt gemessene Beobachtungen (Rohdaten), die entweder als Elemente (eines Fragebogens) oder als Messvariablen bezeichnet werden. Außerdem sind sie in Messmodellen verwendete verfügbare Daten (beispielsweise Antworten auf Umfragen). So wird etwa die „ICPL“ im Modell mit Hilfe einer Drei-Elemente-Skala und Kollegen als Referenzobjekt operationalisiert. Die Befragten sollen unter Verwendung eines Zehnpunkte-Antwortformats (1 = sehr gering, 10 = sehr stark) bewerten, in welchem Maße sie zum Beispiel davon überzeugt sind, dass ihre Kollegen ihre Bedenken im Hinblick auf illegales, unethisches oder zumindest fragwürdiges Verhalten insgesamt offen äußern. Auf diese Weise lassen sich mit Hilfe der Indikatoren konkrete Messwerte für die latenten Variablen ermitteln, auf deren Grundlage dann wiederum die kausalen Effekte im Modell in einem iterativen Prozess geschätzt werden können. Dazu werden die Modellparameter mit Hilfe des partial least squares (PLS-) Ansatzes so geschätzt, dass die Diskrepanz zwischen empirischen und geschätzten Falldaten minimiert wird. Im Prinzip ist der dabei zur Anwendung kommende PLS-Algorithmus eine Sequenz von ordinary least squares (OLS)-Regressionen in Form von gewichteten Vektoren, die nach dessen Konvergenz Fixpunktgleichungen erfüllen. Das Ergebnis ist ein Compliance-Index, der allgemein genug ist, um unternehmens-, branchen- und sektorübergreifend vergleichbar zu sein.

 

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[Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Fachzeitschrift RISIKO MANAGER 10/2017. Die Ausgabe ist seit dem 25. Oktober 2017 lieferbar und kann auch einzeln bezogen werden.]

Autoren:
Sebastian Rick, Senior Manager, KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (ab 01. Oktober 2017).
Ralf Jasny, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Finanzdienstleistungen, Frankfurt University of Applied Sciences.

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