Brexit-Uhr tickt und Banken stecken Kopf in den Sand

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28. Juni 2018
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Von Paul J. Davies

In der europäischen Finanzwelt macht sich eine lähmende, abwartende Haltung breit. Die beteiligten Akteure warten allem Anschein nach auf den ersten Schritt des jeweils anderen. Im Kern geht es um einen Streit zwischen den Banken und den europäischen Behörden in der Frage, wie sich die Banken für den Brexit rüsten sollen.

Die Institute scheinen darauf zu hoffen, dass die Politiker in Zugzwang geraten und ihnen einen Freibrief erteilen, weil die Finanzwelt zu sehr ein Stützpfeiler der Wirtschaft sei, um ihn unbedacht zu erschüttern. Doch die Europäische Bankenaufsicht (EBA), die die Regeln schreibt, und die Europäische Zentralbank (EZB), welche diese dann durchsetzt, warnten die Banken diese Woche unisono, dass die Zeit davonlaufe. 

Mit dem endgültigen Brexit Ende März 2019 enden Abkommen, die es den Banken erlauben, nahtlos zwischen Großbritannien und Kontinentaleuropa zu operieren. Um weiter zu arbeiten, brauchen die Geldhäuser ein neues Handelsabkommen oder eine andere rechtliche Einigung. Zwar könnte noch rechtzeitig ein Abkommen geschmiedet werden, doch derzeit mehren sich die Anzeichen für eine harte Trennung. Das wäre eine ziemliche Erschütterung für das Bankensystem und den Wertpapierhandel. Kredite, Derivatkontrakte und selbst die eigenen Anleihen sowie andere Wertpapiere der Geldhäuser könnten plötzlich höheren Kapitalauflagen unterliegen oder als nicht mehr anrechenbar gelten.

Londons Clearing-Übermacht riesiger Knackpunkt

London ist Europas Finanzzentrum, weshalb zahlreiche Geschäftsfelder betroffen wären. Britische, US- und europäische Geldhäuser haben mit ihren britischen Töchtern Euro-Kredite in Höhe von 1,7 Bio. US-Dollar ausstehen. Das meldet die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Viele dieser Darlehen müssten eventuell auf eine Bank mit EU-Lizenz transferiert werden. Und dann wären da auch noch Euro Kredite in die entgegengesetzte Richtung über rund 750 Mrd. Dollar, wie die EBA vorrechnet. 

Bei den Derivaten erfolgt bei mehr als 90 Prozent der Euro-Zinsswaps das Clearing durch die Londoner LCH. Ohne Nach-Brexit-Abkommen könnte dieser Institution die Qualifikation fürs Clearing abgesprochen werden, was die Kapitalauflagen für kontinentaleuropäische Nutzer erhöhen würde. Es bleibt eine Menge Arbeit zu tun – und damit viele Kosten, um sicherzustellen, dass all diese Geschäfte selbst nach Trennung ohne neues Handelsabkommen funktionieren. Insofern beknien die in der International Capital Markets Association vertretenen Banken Politiker von der Insel und aus der EU. Beide Seiten sollen eine gemeinsame Erklärung abgeben, dass die bestehenden grenzüberschreitenden Kontrakte gültig blieben, unabhängig vom Ausgang der Brexit-Verhandlungen.

Die Brexit-Uhr tickt

Das hört sich nach einer einfachen Lösung an, aber die EBA hält das für nicht möglich. Sie rät zum Wochenauftakt den Banken, sich für einen "schlechten" Brexit zu rüsten, auch wenn es schwierig sei. Die Geldhäuser müssten sich auf diesen Worst Case einstellen. Unterdessen erinnert die EZB die Banken daran, dass sie ihren Bedarf an Sondergenehmigungen für Geschäfte in der EU bis Ende des zweiten Quartals, sprich bis Freitag, anmelden müssen.

Die Großbanken haben bereits viele Vorbereitungsarbeiten geleistet, doch die EU-Behörden fürchten, dass diese noch nicht ausreichen und ihnen die Zeit davonläuft. Die Geldhäuser sträuben sich dagegen, noch mehr Geld auszugeben, wenn es am Ende doch auf ein Übergangsabkommen von Briten und EU hinausläuft. Für den Moment jedenfalls fürchten sich die Anleger vor keinen schweren Verwerfungen. Doch gemessen an der Art und Weise, wie die Gespräche liefen, ist das Risiko eines schweren Unfalls weitaus größer als sie wohl denken. (DJN) 

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