Behandlung von Staatsrisiken unter Solvency II

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07. April 2017
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Redaktion RISIKO MANAGER

In einer aktuellen Auslegungsentscheidung fordert die BaFin Unternehmen dazu auf, wesentliche Staatenrisiken unter Solvency II im Rahmen des Grundsatzes der unternehmerischen Vorsicht, im ORSA und im Rahmen der eigenen Kreditrisikobeurteilung zu berücksichtigen. Die Aufsicht erwartet, dass die Unternehmen – insbesondere im Falle eines hohen Staatenexposures – eine umfassende und intensive Auseinandersetzung mit den entsprechenden Staatenrisiken zu jeder Zeit sicherstellen und dies in angemessener Weise nachprüfbar dokumentieren. Die spezifischen Staatenrisiken können allerdings nur dann hinreichend identifiziert und bewertet werden, wenn die Unternehmen über eine ausreichende Informationsgrundlage verfügt. In einem ersten Schritt müssen sie festlegen, welche Informationen bei der Identifikation und Bewertung von Staatenrisiken herangezogen werden sollen. Dabei dürfen sie Unternehmen nicht ausschließlich auf die von Dritten – wie Ratingagenturen, Finanzinstituten und Vermögensverwaltern – bereitgestellten Informationen stützen.

Die Kriterien, die für die Identifikation von Staatenrisiken herangezogen werden, sind von einer Reihe unterschiedlicher Faktoren abhängig. So könnten von Unternehmen folgende Aspekte in die Betrachtung einbezogen werden: Die rechtliche, politische, wirtschaftliche und finanzielle Situation des Schuldners, relevante volkswirtschaftliche Kennzahlen sowie deren vergangene und/oder prognostizierte Entwicklungen, die Defizit und Schuldenquote eines Staates, die Wettbewerbsfähigkeit des Staates, die Situation des Arbeitsmarktes und die Inflation. Weitere Kriterien können beispielsweise Garantien oder Bürgschaften sein, denen der Staat ausgesetzt ist. Auch eine Analyse der Stabilität der Regierung und des Rechts- und Finanzsystems sowie der Rechte und Verpflichtungen, die mit Mitgliedschaften in internationalen Organisationen verbunden sind, kann sinnvoll sein.

Bei der Bewertung von Staatenrisiken spielt darüber hinaus die Quantifizierung der Risiken eine entscheidende Rolle. Eine statistische Auswertung, die bei der Risikoquantifizierung grundsätzlich geboten erscheint, ist im Zusammenhang mit Staatenrisiken nur begrenzt oder überhaupt nicht möglich. Das Unternehmen hat hier vielmehr, losgelöst von statistischen Daten, Eintrittswahrscheinlichkeiten für den Ausfall der Anleihe eines Staates zu ermitteln. Diese sollten auch die Berechnung von Ausfallwahrscheinlichkeiten von mehreren Staaten zur nahezu gleichen Zeit (Stichwort: Ansteckungsgefahr) beinhalten. 

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