Banken sollen für erwartbare Kreditausfälle vorsorgen

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20. Juli 2017
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Von Paul J. Davies

Bei der angemessenen Verbuchung von Kreditausfällen europäischer Banken dürfte es ab Januar erhebliche Verbesserungen geben. Das könnte sich auch auf der anderen Seite des Atlantiks bei den dortigen Geschäftsbanken auswirken.

 

 

 

Doch die größere Transparenz hat auch Schattenseiten. Während der Finanzkrise wussten Anleger häufig nicht, welche Verluste auf Kredite die Banken hinnehmen müssen. Eine Änderung in den internationalen Rechnungslegungsregeln, bekannt unter dem Namen IFRS 9, dürfte demnächst dafür sorgen, dass die Geldhäuser in Europa auf Echtzeitbasis für Kreditausfälle Vorsorge treffen. Doch US-Investoren müssen sich für ähnliche Schritte bis 2020 gedulden, wenn sich die Rechnungslegungsstandards dort ebenfalls ändern dürften.


Künftig zählen die Erwartungen
Traditionell müssen Banken Kreditverluste verbuchen, wenn diese entweder eingetreten oder sehr wahrscheinlich sind. Das bedeutet: Ein solches Ereignis muss praktisch festgestellt worden sein, es gilt das sogenannte Incurred-Loss-Modell. Nach der Krise wollten die Regulierer auf ein neues Modell, das auf Erwartungen basiert, wechseln. Damit kommen die Kredite stärker in die Nähe der Finanzmärkte. Vereinfacht ausgedrückt: Anleger sollten damit rechnen, dass die Kreditportfolien der Banken künftig deutlich stärker wie Anleihen reagieren. Steigende Zinssätze werden im Endeffekt den Wert von Krediten belasten, da höhere Finanzierungskosten auch die Rückzahlung erschweren.
Deswegen werden manche Geldhäuser verfügbares Eigenkapital verlieren. Noch wichtiger: Die Bankengewinne werden künftig stärker schwanken, da Änderungen im Wirtschaftsumfeld direkt auf die Verlustrückstellungen durchschlagen. Des Weiteren müssen Banken schon im Vorfeld bei der Kreditvergabe Vorkehrungen für einen Ausfall treffen. Der Grund: Selbst wenn Kreditnehmer keine einzige Ratenzahlung verpassen, besteht ein Restrisiko, selbst bei guter Bonität der Schuldner - ein Kreditnehmer kann immer in Schwierigkeiten geraten.


Rückstellungen auch bei nicht-notleidenden Krediten erforderlich
Wenn die neuen Regeln Wirklichkeit werden, müssen die Geldhäuser erwartete Verluste sofort verbuchen. Im Gros betrifft das Kredite, die überhaupt noch nicht notleidend wurden, aber wo sich die generellen Wirtschafts-, Branchen- oder persönlichen Umstände verschlechtert haben. Europas Regulierer räumen den Banken bis zu fünf Jahre ein, um die neuen Kosten in ihre Kapitalquoten einzurechnen. Insofern dürfte es wohl nicht zu einer Flut frischer Kapitalerhöhungen kommen. In den USA haben Beschwerden kleinerer Banken das Finanzministerium dazu bewogen, ähnlich lange Übergänge zu erwägen. Im Schnitt dürften die europäischen Kreditinstitute ihre Rückstellungen um 13 Prozent anheben müssen, was in einer Kürzung der Eigenkapitalquoten um 0,35 Prozentpunkte resultieren sollte, schätzt die Europäische Bankenaufsicht. Am härtesten dürfte es die kleinen Institute treffen.
Die ins Auge stechenden Kosten dürften in den USA höher liegen. In Europa müssen Banken nur die Verluste verbuchen, die sie über die kommenden zwölf Monate bei allen - also auch bei absolut solventen - Kreditnehmern erwarten. Sobald sich das Darlehensumfeld ändert, müssen sie für die gesamte restliche Laufzeit des Kredits Vorsorge treffen. In den USA dagegen müssen die Kreditgeber in Zukunft die erwarteten Verluste für die gesamte Laufzeit des Darlehens in ihren Büchern berücksichtigen.
Was den europäischen Geldhäusern heute erspart bleibt, könnte sie in der Zukunft jedoch hart treffen. Im Falle eines Wirtschaftsabschwungs klettern die Kreditausfallrisiken und plötzlich sind Rückstellungen für die komplette Restlaufzeit vorgeschrieben. In einem schlechten Jahr könnten die Rückstellungen damit um mehr als 50 Prozent gegenüber dem heutigen Niveau unter vergleichbaren Umständen emporschnellen, schätzt die Deutsche Bank. Dann würden Gewinne drastischer und schneller schmelzen als bisher, was Dividenden gefährdet. All das ist aber immer noch erheblich besser als die Ereignisse nach der Finanzkrise. Die Banken brauchten damals Jahre, um ihre Bilanzen aufzuräumen, und so manches europäische Land fängt erst jetzt mit den notwendigen Reparaturmaßnahmen an. (DJN)

 

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