Anbang: China will keine finanziellen Risiken eingehen

ERM
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01. März 2018
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Von James T. Areddy und Stella Yifan Xie

Vor drei Jahren war die chinesische Anbang Insurance Group noch ein Symbol für den wachsenden Einfluss Chinas in der Investmentwelt. Das Unternehmen kaufte für 2 Mrd. US-Dollar das Waldorf Astoria Hotel in New York und gehörte zu den vermögenden chinesischen Unternehmen, die rasant wuchsen und ehrgeizige Expansionspläne im Ausland verfolgten.

 

Vergangene Woche übernahm dann die chinesische Regierung die Kontrolle bei Anbang und warf dem Gründer und Chairman Verstöße gegen das Wirtschaftsrecht vor. Das Ereignis stellt einen Wendepunkt in der chinesischen Kampagne gegen "irrationale" Investitionen dar, die eine allzu hohe Verschuldung der chinesischen Wirtschaft verhindern soll.
Aus der Übernahme lassen sich fünf Lektionen ableiten:

• China zügelt Großinvestoren

In den vergangenen Jahren haben Anbang und andere Großkonzerne wie HNA Group und Dalian Wanda Group viele Milliarden Dollar für europäische und amerikanische Hotels, Kinos, Bürotürme und Beteiligungen an Banken und Vermögensverwaltern ausgegeben. Um die Kapitalabflüsse einzudämmen, nimmt China nun die Finanzierungsmechanismen unter die Lupe, die dabei zum Einsatz kamen. Eine Sorge ist, dass viele Übernahmen mit Krediten von heimischen Banken finanziert wurden, die dadurch möglichen Verlusten ausgesetzt sind.

• China hat eine eigene "Too Big to Fail"-Liste

Auf internationaler Ebene gibt es in China laut dem Financial Stability Board – einer internationalen Gruppe von Zentralbankern – vier Banken und einen Versicherer, die systemrelevant sind. Dieser Versicherer ist Ping An Insurance. Mit der Kontrollübernahme bei Anbang signalisieren chinesische Aufsichtsbehörden jedoch, dass auch dieser Versicherer zu groß zum Scheitern ist. Mit der Übernahme sorgt die Regierung für die Solvenz des Unternehmens und zeigt damit, dass sie keine finanziellen Risiken eingehen will.

• Peking sieht "Vermögensprodukte" als Bedrohung

In nur gut zwölf Jahren wurde Anbang zu einem der größten Versicherer Chinas mit einer Bilanzsumme von über 300 Mrd. US-Dollar. Das Wachstum war unter anderem durch den Verkauf von kurzfristigen, renditestarken Anlageprodukten möglich. Solche Produkte werden von Banken, Versicherern und anderen Finanzinstituten verkauft und sind in den vergangenen Jahren zu einer immer wichtigeren Finanzierungsquelle geworden. Allein der Bankensektor hat solche Papiere im Wert von 4 Bio. US-Dollar ausgegeben. 

Häufig werden jedoch kurzfristige Produkte zur Finanzierung langfristiger und oft riskanter Projekte in illiquiden Märkten wie Immobilien verwendet. Bisher gab es nur wenige Ausfälle, doch die Behörden fürchten, dass künftige Pleiten wieder zu Anlegerprotesten führen könnten. Das würde die soziale und wirtschaftliche Stabilität gefährden, mit der sich die Kommunistische Partei legitimiert.

• Übernahme erinnert an die Rettung des US-Versicherers AIG

Die staatliche Übernahme von Anbang sollte die Auswirkungen der riskanten Geschäfte eines Versicherers eingrenzen, genau wie die Rettung der American International Group durch die US-Regierung während der globalen Finanzkrise 2008. Bei der AIG-Rettung gewährten die Federal Reserve und das US-Finanzministerium dem Versicherer Kredite und übernahmen zusätzlich einen Mehrheitsanteil an dem Unternehmen. Dadurch verhinderten sie Verluste bei den vielen Banken, die dem AIG-Risiko über Derivate ausgesetzt waren.

Die chinesische Versicherungsaufsicht wird Anbang nun mindestens ein Jahr lang führen, bisher hat der Konzern jedoch keine Kapitalspritze erhalten. Anbang gilt zudem nicht als so großes systemisches Risiko wie AIG. Der chinesische Versicherer besitzt jedoch Anteile an vielen Unternehmen, darunter auch zwei chinesische Banken. Die finanziellen Probleme von Anbang hätten für alle zum Problem werden können, die Versicherungs- oder Investmentprodukte des Unternehmens gekauft haben.

Wie bei AIG könnte auch die Unterstützung der chinesischen Regierung ein Signal an andere große, hochverschuldete Unternehmen senden: Wer in finanzielle Schwierigkeiten gerät, wird von den Behörden gerettet. 

• Bei der Übernahme geht es um die Zukunft, nicht die Vergangenheit

Die Übernahme mag plötzlich gekommen sein, Anbang steht jedoch schon seit über einem Jahr im Fokus der Behörden. Anfang vergangenen Jahres begann Anbang daher bereits, besonders riskante Produkte seltener anzubieten. Im Juni siedelte sich eine Gruppe von Aufsehern innerhalb des Versicherers an, um den Betrieb aus nächster Nähe zu beobachten. Etwa zur gleichen Zeit wurde Gründer und Chairman Wu Xiaohui wegen des Verdachts der Wirtschaftskriminalität festgenommen.

Die Märkte beobachten jetzt, ob die Regierung Anbang tatsächlich am Leben hält - und wie sich der Schritt auf andere verschuldete Unternehmen auswirkt. Die chinesische Finanzaufsicht selbst wird gerade umgebaut, und Beamte sagen, dass sie die Restrukturierung von Anbang im nächsten Jahr nutzen werden, um auch strategische Investoren zu finden, die Kapital zuschießen können. (DJN) 

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