10 Jahre nach Lehman: 5 Lehren aus der Finanzkrise

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07. September 2018
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Von James Mackintosh

Zehn Jahre nach der Pleite von Lehman Brothers analysieren Medien immer noch die Ursachen und fragen, wie so ein Absturz in Zukunft verhindert werden kann. Es ist dafür gar nicht mal nötig, tief in die Diskussion um Bankenregulierung oder derivative Ausfallrisiken einzusteigen. Es genügt schon, fünf Lehren aus den Ereignissen von damals zu ziehen.

Erstens: Nicht jede Blase erkennt man an überschießenden Bewertungen

Als sich die Krise 2008 ankündigte, war das Dotcom-Fiasko noch immer im Gedächtnis. Die Kurse waren aber deutlich entfernt von den wahnwitzigen Übertreibungen der späten 1990er. Deshalb, so die Fehleinschätzung, war alles im grünen Bereich. 

Diese Einschätzung erwies sich als genauso falsch wie die im Jahr 1929, denn die Krise war längst unterwegs. Die Anleger hatten einen Fehler gemacht: Beim Kurs-Gewinn-Verhältnis schauten sie nur auf den Kurs und machten sich über die Stabilität der Gewinnsituation wenig Gedanken. Heute ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis höher als vor der Lehmann-Pleite. Wieder sprudeln die Gewinne und alles schaut gut aus. Ob die Gewinne allerdings nachhaltig sind, bleibt erneut zweitrangig. Verschiedene Methoden zur Analyse kommen zum Ergebnis, dass es mit der Qualität der Gewinne bereits bergab geht. Zudem sind viele Unternehmen hoch verschuldet.

Zweitens: Krise frisst Liquidität

Viele Investoren beklagen die Konzentration beim Handel mit Unternehmensanleihen. Wenn nur eines der großen Handelshäuser versuchen sollte, aus Angst vor steigenden Zinsen, größere Positionen von Unternehmensanleihen zu verkaufen, wäre die Liquidität im Markt schnell aufgebraucht. So geschehen vor zehn Jahren. Die einst so beliebten strukturierten Wertpapiere waren auf einmal unverkäuflich.

Wenn Anleger heute glauben, Anleihen ließen sich in Krisenzeiten leichter verkaufen, nur weil sie In börsengehandelten Fonds (ETF) verpackt sind, könnte sich dies erneut als Irrtum erweisen.

Drittens: Gerade in ruhigen Phasen wächst die Neigung zum Exzess

Der Ökonom Hyman Minsky kam mit seinen Ausführungen zum spekulativen Kreislauf nach der letzten Finanzkrise wieder in Mode. Demnach führt eine anhaltende Phase des Wachstums zur Sorglosigkeit: Die Menschen leben gerne auf Pump und Banken teilen bereitwillig aus. Wenn aber, wie 2007 erlebt, die Hauspreise fallen und Hypotheken in Not geraten, rutschen auch die Aktienkurse und die Wirtschaft gerät tief in die Rezession.

Viertens: Finanzinnovationen scheitern zuweilen

Der Wirtschaftshistoriker Charles Kindleberger dokumentierte, wie waghalsiges Schuldenmachen schon immer Wege fand, alle regulatorischen Beschränkungen zu umgehen. Innovative Finanzinstrumente machen es möglich, euphorisierte Investoren und Unternehmen immer weiter mit Kapital zu versorgen. Strukturierte Wertpapiere bleiben in unrühmlicher Erinnerung. Wo Banken heute zurückschrecken, übernehmen zum Teil Peer-to-Peer-Ausleihen oder Kreditfonds deren Rolle. Noch ist deren Volumen zu gering, um eine Krise auslösen zu können, doch auch dies könnte sich ändern.

Fünftens: Die heutige Zeit ist gar nicht so anders

In den Jahren 2007 und 2008 glaubte man gerne, die Banken seien stabiler dank der wertpapierlichen Unterlegung von Verbindlichkeiten oder Derivaten, mit denen Risiken verschoben wurden. Letzten Endes konnte keiner mehr sagen, wo die Risiken versteckt lagen und jeder ging irgendwann vom Schlimmsten aus. Heute sind die Banken widerstandsfähiger als damals. Eigenkapital und Liquidität wurden gestärkt. Dennoch kann man nicht die Augen verschließen angesichts der komplexen Wege, wie Risiken zu Fonds verschoben werden und sogenannte "Non-and-near-Banks", also bankfremde Anbieter im Markt für Finanzdienstleistungen, das Schuldenmachen fördern. Hier wächst ebenfalls eine neue Gefahr heran.

Der Ökonom und Sozialkritiker John Kenneth Galbraith hat im Vorwort zu seinem Buch "The Great Crash 1929" treffend beschrieben, worauf es ankommt: "Als Schutz gegen Irrsinn und Illusionen an den Finanzmärkten nützt die Erinnerung mehr als jedes Gesetz." Je mehr Anleger die Ereignisse von 2007 und 2008 im Gedächtnis behalten, desto geringer ist die Chance, dass sich eine solche Krise wiederholt. Die Befürchtung ist allerdings, dass die Erinnerung schon vor ein paar Jahren begann zu verblassen. (DJN) 

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